Der Trend geht rasend schnell zur Elektromobilität. Doch gerade in Ballungszentren haben Elektroauto-Besitzer oft Probleme, eine freie Ladestation zu finden. Gemeinsam mit der Nürnberg Messe hat der Ingolstädter Autohersteller Audi jetzt eine Pilotanlage errichtet, welche am 23.12. 2021 für reisende in Betrieb geht.
Die Idee der Charging Hubs zielt eigentlich auf E-Auto-Käufer, die zu Hause keine Lademöglichkeit haben und deshalb auf innerstädtische Ladestationen angewiesen sind. Der erste Test in oft Nürnberg liegt allerdings nur zentrumsnah am Messegelände, ist dafür aber direkt an der B8 und nur drei Minuten von der A9 und der A73 entfernt. "Der Standort ist ideal für Langstreckenfahrer", sagt Audi-Technik-Vorstand Oliver Hoffmann. "Er befindet sich in Autobahnnähe, bietet aber auch Zugang zur Metropolregion Nürnberg." Über die Zukunft der Charging Hubs entscheiden dann die dort gewonnenen Erkenntnisse. "Wir warten ab, wie es in Nürnberg anläuft und entscheiden dann über den Rollout", so Hoffmann. Weitere Standorte sollen dann da liegen, wo Kunden der Marke sich besonders häufig länger aufhalten. Der Hersteller kann das ermitteln, indem er auswertet, wo E-Tron-Fahrzeuge bevorzugt parken – die Daten ermitteln die Fahrzeuge selbst.
Der Clou dabei: Die Charging Hubs können quasi überall aufgebaut werden, weil sie nicht auf das jeweilige lokale Stromnetz angewiesen sind. Gebrauchte Lithium-Ionen-Akkus aus zerlegten Entwicklungsfahrzeugen erwachen hier als Pufferspeicher für Gleichstrom zu einem zweiten Leben. Eine Hochspannungszuleitung nebst Transformatoren ist also nicht notwendig. In Nürnberg spendet der Netzbetreiber vergleichsweise bescheidene 200 kW. Minimum wären 22 kW pro Ladepunkt.
Der Charging Hub verfügt verteilt auf drei Speichermodule über eine Kapazität von 2,45 MWh. An sechs Schnellladepunkten können E-Autofahrer mit bis zu 320 kW laden – lädt an einem Cube bereits ein zweites Fahrzeug, bleiben immer noch 160 kW. Die kommen vor allem aus den Batterien, die wiederum mit Grünstrom aus dem Netz dauerhaft schonend geringe Ladeströme beziehen. Photovoltaik-Module auf dem Dach speisen zusätzlich grüne Energie in den Hub. In Nürnberg bringt die Solaranlage immerhin 30 kW im Peak.
Die Preise für die KWh sind übrigens moderat: Mit 31 Cent verlangt Audi etwa das, was auch bei den meisten zu Hause fällig wird oder bei Ionity als Audi-Kunde. Fahrer anderer Fabrikate zahlen die bei ihrem Ladeanbieter fällige Preise gemäß dem entsprechenden Tarif – Audi nimmt keinen Roaming-Aufschlag.
Sollte sich das Konzept der Charging Hubs nicht bewähren, haben Audi und der VW Konzern allerdings auch noch weitere Pfeile im Köcher. Also zusätzliche Millionen fürs Ionity-Konsortium, in dem Audi Partner ist? Vielleicht. Wobei dann die Sache mit der Exklusivität schwierig würde. Die Ionity-Säulen stehen ja allen Nutzern offen, wer ein Auto eines Konsortium-Partners fährt, lädt entsprechend günstiger. Denkbar wäre vielleicht eine exklusive Reservierungs-Option für Audi-Fahrer. Details? Fehlanzeige. Grundsätzlich soll das eigne Audi-Netz ausschließlich aus Schnellladern bestehen, die mindestens 150 Kilowatt Leistung bieten. 200 bis 300 Stationen peilen sie in Ingolstadt an, berichtet das Handelsblatt. Kosten: mehr als eine Milliarde Euro. Eine Investition, die sich Audi eventuell mit Porsche und den anderen Premium-Partnern des Konzern teilen könnte.
Neben der Zusammenarbeit mit Ionity wäre aber auch eine Kooperation mit einem der großen Mineralölkonzerne denkbar, die längst an eigenen Lade-Netzwerken arbeiten. Shell hat sich mit der Übernahme von Newmotion aus dem Stand zum Großanbieter in Europa gemacht und kann mit 155.000 Ladepunkten in 35 Ländern punkten. Aber auch zur italienischen ENEL haben sie bei Audi gute Kontakte. Dritte Option: Alles selbst machen. Eigene Ladesäulen, eigene Standorte, eigene Infrastruktur. Zunächst exklusiv für Audi-Fahrer. Später vielleicht auch noch verfügbar für Porsche-Fahrer und andere Premium-Kunden des VW-Konzerns. Eine 1:1-Kopie der Tesla-Supercharger-Idee als geschlossenes System. Wobei sie sich bei Audi eher von Electrify America inspiriert sehen wollen. Seine Gründung geht auf den Diesel-Skandal von Volkswagen zurück. In einem Vergleich verpflichtete sich VW, insgesamt zwei Milliarden US-Dollar in den Aufbau einer Lade-Infrastruktur zu investieren. An fast 500 Standorten sollen so 2.000 Ladepunkte entstehen.
Nächster wichtiger Punkt für die Audi-Truppe: Die Ladestationen müssen komfortabler und attraktiver werden. Die Ionity-Schnelllader haben für ihr futuristisches Design viel Lob bekommen, stehen aber aktuell meistens noch sehr einsam in der Gegend rum. Kein Dach, kaum Infrastruktur drumherum. Abgesehen davon, dass niemand gerne bei einem Platzregen aus dem Auto will, um den Ladestecker ins Auto zu fummeln, verhindert die noch sehr rudimentäre Ausstattung der aktuellen High-Power-Charging-Stationen (HPC) auch weitere Monetarisierungsoptionen. Tesla arbeitet längst daran, hochfrequentierte Super-Charger-Stationen zu Elektro-Rastanlagen umzubauen. Mit großen Solar-Carports und Tesla-Lounges, in denen man sich während der Pause kostenpflichtig mit allem eindecken kann, was man unterwegs so braucht.
Getrieben von der Artemis-Truppe kommt das Thema Lade-Infrastruktur bei VW wieder auf die Tagesordnung. Das ist wichtig. Weil sich weder VW, noch irgend ein anderer Ionity-Partner auf dem bislang Erreichten ausruhen darf. Die Ionity-Stationen sind eine feine Sache, werden aber vor der Hintergrund massiv steigender Elektroauto-Zulassungen sehr schnell an ihre Grenzen kommen. Da wäre ein zweites Schnelllade-Netz im VW-Konzern keine schlechte Idee. Ionity für die Masse an Fahrzeugen und vor allem für unterwegs.
Die Charging Hubs könnten Audi-Kunden und E-Auto-Fahrern eine Möglichkeit bieten, zu laden, wie man tankt – nur schöner: Hinfahren, in der heimeligen Lounge entspannen oder Arbeiten, bei Bedarf den Wagen waschen lassen und zeitnah weiterfahren.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen